Als absehbar wurde, dass einer meiner Klienten in den Vorstand wechseln würde, begannen wir nicht mit seiner Antrittsrede.
Wir arbeiteten an Fragen, die weniger sichtbar, aber für seine spätere Wirkung entscheidender waren: Wofür wollte er in dieser Rolle stehen? Was würde sich durch die neue formale Macht verändern? Welche seiner bisherigen Stärken würden ihm weiterhin helfen – und welche könnten unter Druck zum Risiko werden?
Er war fachlich bestens vorbereitet. Er kannte das Geschäft, die strategischen Abhängigkeiten und die Vorstände, mit denen er künftig auf Augenhöhe entscheiden würde. Es ging nicht darum, ihn für die neue Position passend zu machen.
Es ging darum, sich auf eine Rolle vorzubereiten, deren Wirkung er noch nicht vollständig erleben konnte.
Dann kam die Ernennung.
Einige Monate später saßen wir uns wieder gegenüber. Vieles sei eigentlich gar nicht so anders, sagte er sinngemäß. Inhaltlich beschäftigten ihn ähnliche Themen wie zuvor. Die Verantwortung war größer, die Termine dichter, die Gremien zahlreicher. Aber grundsätzlich kannte er diese Welt.
Im weiteren Gespräch zeigte sich jedoch etwas anderes.
Seine Aufgaben waren ihm vertraut. Die Wirkung seiner neuen Rolle war es noch nicht.
Die Falldarstellung ist anonymisiert. Einzelne Details wurden zum Schutz der beteiligten Personen verändert.
Die Organisation sah bereits den Vorstand.
Menschen hörten ihm plötzlich anders zu. Eine beiläufige Überlegung konnte als strategische Richtung verstanden werden. Eine kritische Frage löste mehr Bewegung aus, als er beabsichtigt hatte. Selbst Schweigen wurde interpretiert.
Gleichzeitig erwarteten unterschiedliche Seiten Orientierung von ihm: Mitarbeitende, Führungskräfte, Vorstandskollegen, Aufsichtsgremien. Jede Erwartung war für sich nachvollziehbar. In der Summe entstand ein Druck, den er zunächst vor allem durch noch mehr persönlichen Einsatz beantwortete.
Von außen war der Rollenwechsel längst vollzogen. Im Inneren arbeitete noch das vertraute Modell von Verantwortung.
Genau dieser zeitliche Versatz macht Übergänge ins Topmanagement so anspruchsvoll. Eine Organisation behandelt die Person vom ersten Tag an entsprechend ihrer neuen Autorität. Das eigene Selbstverständnis verändert sich dagegen nicht mit der Unterschrift unter einem Vertrag.
Der Organisationspsychologe Blake Ashforth beschreibt Rollenübergänge deshalb nicht als bloßen Wechsel von Aufgaben. Mit einer neuen Rolle verändern sich Beziehungen, Erwartungen und Identität. Menschen müssen eine Rolle nicht nur antreten. Sie müssen sie deuten, erproben und in ihr Selbstverständnis integrieren.
Man kann formal längst Vorstand sein und innerlich noch aus der vorherigen Rolle heraus agieren.
Was ihn nach oben gebracht hatte, begrenzte ihn nun.
Mein Klient gehörte zu den Menschen, die früh Verantwortung übernehmen. Wenn etwas schwierig wird, zieht er sich nicht zurück. Er arbeitet sich tiefer ein, erhöht sein Tempo und sorgt dafür, dass Ergebnisse entstehen.
Dieses Muster hatte ihn weit gebracht. Es hatte Vertrauen geschaffen und ihn für größere Aufgaben empfohlen.
Unter dem Druck der neuen Rolle bekam dieselbe Stärke jedoch eine andere Seite.
Er nahm Erwartungen auf, bevor er geprüft hatte, ob sie überhaupt zu seiner Verantwortung gehörten. Er blieb gedanklich an Problemen, die längst andere hätten lösen müssen. Und wenn mehrere Themen gleichzeitig eskalierten, verlor er den notwendigen Abstand: Alles erschien dringend. Der Blick verengte sich. Konflikte trafen ihn persönlicher.
Nach außen funktionierte er weiterhin. Genau das machte das Muster so schwer erkennbar.
Er lieferte. Er entschied. Er blieb ansprechbar. Es gab keinen offensichtlichen Zusammenbruch, der zur Korrektur gezwungen hätte. Nur einen stetig steigenden Energieverbrauch – und das Gefühl, den Anforderungen nie vollständig gerecht zu werden.
Erst im Sparring wurde sichtbar, dass wir es nicht primär mit einem Zeitmanagementproblem zu tun hatten.
Das alte Erfolgsmodell lautete: Wenn ich mehr Verantwortung trage, muss ich auch mehr aufnehmen.
Die Vorstandsrolle verlangte das Gegenteil: stärker auswählen, klarer begrenzen und mehr Verantwortung im System lassen.
Warum vernünftige Grenzen sich zunächst falsch anfühlen.
Rational war ihm klar, dass er nicht jede Erwartung erfüllen konnte. Emotional war die Sache schwieriger.
Wenn er sich bewusst für ein wichtiges Thema entschied, sah er zugleich, welches andere Thema liegen blieb und wen er damit möglicherweise enttäuschte. Abgrenzung fühlte sich nicht automatisch nach Führung an. Sie fühlte sich zunächst nach Vernachlässigung an.
Darin liegt ein typischer Konflikt leistungsorientierter Führungskräfte: Sie haben nicht nur gelernt, viel zu leisten. Sie haben gelernt, ihren Wert über Verlässlichkeit, Verfügbarkeit und Verantwortungsübernahme zu sichern.
Dann wird aus einer Fähigkeit ein innerer Auftrag: Ich bin wertvoll, weil ich viel Verantwortung trage.
Dieser Auftrag verschwindet nicht, nur weil auf der Visitenkarte ein neuer Titel steht. Im Gegenteil. Die größere Verantwortung aktiviert ihn oft noch stärker.
Im Sparring wurde deshalb eine andere Unterscheidung entscheidend: Dient mein zusätzlicher Einsatz gerade wirklich der Organisation – oder beruhigt er vor allem mein eigenes Unbehagen darüber, eine Erwartung nicht zu erfüllen?
Wer sich selbst dauerhaft übergeht, dient damit nicht der Organisation. Er hält seine Führungsfähigkeit dann nur noch auf Kosten der eigenen Substanz aufrecht.
Das war der Wendepunkt. Selbstführung war nicht länger ein privater Ausgleich zur eigentlichen Arbeit. Sie wurde Teil seiner unternehmerischen Verantwortung.
Souveränität beginnt zwischen Druck und Reaktion.
Die äußeren Anforderungen wurden dadurch nicht geringer. Auch schwierige Dynamiken im Vorstand verschwanden nicht. Unterschiedliche Interessen, Kommunikationsstile und Erwartungen blieben Teil der Realität.
Verändert hat sich sein Umgang damit.
Er begann früher zu bemerken, wann Druck sein altes Erfolgsmodell aktivierte. Wann aus Verantwortungsbereitschaft Selbstaufgabe wurde. Wann eine sachliche Diskussion anfing, ihn persönlich zu beschäftigen. Wann Aktivität nur noch dazu diente, Kontrolle zu suggerieren.
Diese Wahrnehmung schuf einen kleinen, aber entscheidenden Abstand zwischen äußerem Druck und innerer Reaktion.
Souveränität bedeutet nicht, keinen Druck zu erleben. Sie entsteht dort, wo Druck nicht mehr automatisch das eigene Verhalten übernimmt.
Das ist keine einmalige Einsicht. Alte Erfolgsmuster verschwinden nicht, sobald man sie erkannt hat. Aber sie verlieren ihre Selbstverständlichkeit. Aus einem automatischen Reflex wird zunehmend eine bewusste Entscheidung.
Auf Vorstandsebene spricht nie nur die Person.
Parallel dazu wurde ein zweites Thema wichtiger: seine Wirkung in die Organisation.
Vor der Ernennung hatten wir darüber gesprochen, wofür er als Vorstand stehen wollte. In der Rolle merkte er, warum diese Grundlagenarbeit notwendig war. Führungskommunikation bestand nicht mehr nur darin, fachlich überzeugend aufzutreten. Seine Aussagen mussten Orientierung über einzelne Situationen hinaus geben.
Welche zentralen Werte sollten Mitarbeiter mit ihm und seinem Vorstandsmandat verbinden? Welche Botschaften brauchten Wiederholung? Was war eine offene Überlegung – und was eine Entscheidung? Und wie konnte er unterschiedliche Adressaten erreichen, ohne in bloße Selbstdarstellung zu geraten?
DeRue und Ashford beschreiben Führungsidentität als sozialen Prozess. Sie entsteht nicht allein durch die formale Ernennung, sondern auch dadurch, wie jemand Führung übernimmt und wie andere darauf reagieren.
Auch deshalb lässt sich Strahlkraft nicht auf Rhetorik oder Präsenz reduzieren.
Strahlkraft basiert auf dem Fundament der Selbsterkenntnis.
Wer nicht geklärt hat, wofür er steht, kann viele professionelle Botschaften senden. Er wird trotzdem keine verlässliche Orientierung geben. Erst wenn Entscheidungen, Sprache und Verhalten auf demselben inneren Standpunkt beruhen, entsteht Wiedererkennbarkeit.
Ibarra und Barbulescu sprechen in ihrer Forschung zu beruflichen Übergängen von der Bedeutung einer stimmigen Identitätserzählung. Menschen müssen für sich verbinden können, wer sie bisher waren und wer sie in der neuen Rolle werden. Es geht nicht um eine perfekte Geschichte für andere. Es geht um einen inneren Zusammenhang, aus dem heraus sie glaubwürdig handeln können.
Der eigentliche Rollenwechsel.
Im Rückblick hatte unsere Arbeit vor seiner Ernennung wichtige Grundlagen geschaffen. Rollenverständnis, Selbstführung und Wirkung waren früh zentrale Themen. Er konnte auf Fragen zurückgreifen, die wir bereits bearbeitet hatten.
Trotzdem ließ sich die Rolle nicht vollständig vorwegnehmen. Manche Erkenntnisse werden erst möglich, wenn die Organisation tatsächlich anders auf die eigene Person reagiert. Wenn Erwartungen nicht mehr theoretisch sind. Wenn Macht, Sichtbarkeit und Verantwortung im Alltag spürbar werden.
Der entscheidende Entwicklungsschritt bestand deshalb nicht darin, noch mehr über Führung zu lernen.
Er bestand darin, das eigene Erfolgsmodell neu einzuordnen.
Verantwortung bedeutete nun nicht mehr automatisch, mehr zu übernehmen, sondern klar zu entscheiden. Selbstführung bedeutete nicht, sich vor Anforderungen zu schützen, sondern auch unter Druck Wahlmöglichkeiten zu behalten. Kommunikation bedeutete nicht, möglichst häufig sichtbar zu sein, sondern aus einem geklärten Standpunkt heraus Orientierung zu geben.
Damit wurde aus der formalen Ernennung schrittweise eine innerlich übernommene Rolle.
Eine Position wird verliehen. Eine Rolle muss übernommen werden.
Die Ernennung verändert Zuständigkeiten, Macht und Sichtbarkeit innerhalb weniger Minuten. Das eigene Selbstverständnis folgt langsamer.
Gerade deshalb liegt das größte Risiko einer neuen Spitzenrolle nicht immer in fehlender Erfahrung. Es liegt häufig in den Mustern, die den bisherigen Erfolg überhaupt erst möglich gemacht haben.
Mein Klient musste nicht zu einem anderen Menschen werden. Seine Verlässlichkeit, sein Verantwortungsbewusstsein und seine Leistungsfähigkeit blieben wichtige Stärken.
Er musste jedoch aufhören, diese Stärken automatisch mit Führung gleichzusetzen.
Heute erkennt er früher, wann sein altes Erfolgsmodell übernimmt. Er kann bewusster entscheiden, welche Erwartung er erfüllt, welche Verantwortung er im System lässt und welche Botschaft er als Vorstand setzen will.
Der Titel hatte sich an einem Tag verändert. In der Rolle anzukommen, war ein Entwicklungsprozess.
Genau darin liegt professionelle Selbstführung an der Spitze: nicht weniger Verantwortung zu übernehmen, sondern klarer zu erkennen, welche Verantwortung tatsächlich die eigene ist.
Vom Impuls zur Umsetzung
Prüfen Sie Ihr altes Erfolgsmodell.
Nehmen Sie eine Situation, in der Sie derzeit besonders viel Druck erleben. Schreiben Sie vier Sätze auf:
- Meine heutige Rolle verlangt von mir …
- Mein vertrauter Reflex ist …
- Dieser Reflex hat mich erfolgreich gemacht, weil …
- In meiner heutigen Verantwortung begrenzt er mich, indem …
Ihre Antworten zeigen Ihnen, was Sie noch daran hindert, innerlich dort anzukommen, wo Sie äußerlich bereits sind.
Executive Playbook 01 – Der Sprung auf C-Level
Playbook ansehen →Quellen
- Ashforth, B. E. (2001). Role Transitions in Organizational Life: An Identity-Based Perspective. Lawrence Erlbaum Associates.
- DeRue, D. S., & Ashford, S. J. (2010). Who Will Lead and Who Will Follow? A Social Process of Leadership Identity Construction in Organizations. Academy of Management Review, 35(4), 627–647. DOI: 10.5465/amr.35.4.zok627
- Ibarra, H., & Barbulescu, R. (2010). Identity as Narrative: Prevalence, Effectiveness, and Consequences of Narrative Identity Work in Macro Work Role Transitions. Academy of Management Review, 35(1), 135–154. DOI: 10.5465/amr.35.1.zok135
Der freie Blick
Neue Impulse per E-Mail.
Erhalten Sie eine kurze Nachricht, sobald ein neuer Artikel im Executive Journal erscheint. Kein klassischer Newsletter. Kein fester Versandrhythmus. Nur neue Perspektiven, wenn es etwas zu sagen gibt.
