Einer meiner Klienten, 52, Topmanager in einer Frankfurter Bank, gehört zu den Menschen, die einen Raum sehr schnell verstehen.

Komplexe Zusammenhänge, Zahlen, strategische Abhängigkeiten, Interessenlagen: Wenn andere noch versuchen zu erfassen, worum es eigentlich geht, hat er das Muster meist längst erkannt. Ein analytisch brillanter Kopf. Erfolgreich. Durchsetzungsfähig. Gewohnt, Verantwortung zu tragen.

Und dann gibt es diese Situationen mit seinem Chef.

Ein Satz. Eine Kritik. Eine Entscheidung, die über seinen Kopf hinweg getroffen wird. Eine Formulierung, die bei einem anderen vielleicht ein kurzes Ärgernis auslösen würde. Bei ihm passiert mehr.

Plötzlich geht es nicht mehr nur um die Sache. Aus der fachlichen Auseinandersetzung wird etwas Persönliches. Er spürt Widerstand, Kränkung, Wut. Manchmal zieht er sich innerlich zurück, manchmal geht er in Konfrontation. Im Nachhinein kann er sehr genau analysieren, was passiert ist. In diesem Moment gelingt es ihm kaum, Abstand dazu zu gewinnen.

Genau dort wurde unsere Arbeit interessant. Denn irgendwann stellte sich nicht mehr nur die Frage: Warum komme ich mit meinem Chef an dieser Stelle nicht weiter?

Die wichtigere Frage lautete: Warum trifft mich dieser Mensch überhaupt so tief?

Wenn die heutige Autorität eine alte Geschichte berührt.

Sein Chef ist nicht sein Vater. Natürlich nicht. Und trotzdem berührte die Autorität seines Chefs etwas, das sehr viel älter war als seine berufliche Rolle: die Erwartung, sich beweisen zu müssen. Das Gefühl, nicht wirklich gesehen zu werden. Der Widerstand gegen eine Autorität, deren Anerkennung man gleichzeitig sucht. Die Wut darüber, sich unterordnen zu sollen.

Darunter lag etwas Verletzlicheres: der Wunsch, endlich zu genügen.

Sozialpsychologisch lässt sich das nüchterner erklären, als es zunächst klingt. Menschen speichern frühere Beziehungserfahrungen nicht nur als Erinnerungen. Sie entwickeln Erwartungen darüber, wie andere mit ihnen umgehen und wer sie selbst in solchen Beziehungen sein müssen. Begegnet ihnen später eine Person, die relevante Merkmale einer früheren Bezugsperson berührt, können Teile dieses Beziehungsmusters erneut aktiviert werden. Der Chef wird dadurch nicht zum Vater. Aber die heutige Begegnung kann eine Reaktion auslösen, die älter ist als die aktuelle Beziehung.

Im Executive Sparring beginnen wir bei der heutigen Führungssituation. Manchmal zeigt sich dabei: Was heute wie ein Konflikt mit dem Chef aussieht, folgt einer Logik, die viel früher entstanden ist.

Wenn eine erfolgreiche Strategie nicht mehr trägt.

Nicht hinter jedem Führungsthema steht eine schwierige Kindheit. Doch manches, was wir heute als Charakterzug oder Führungsstil erleben, war einmal eine kluge Anpassungsleistung.

Perfektionismus kann Anerkennung sichern. Kontrolle kann Sicherheit geben. Distanz kann vor Verletzung schützen. Solche Strategien sind keine Defizite. Sie können wesentlich zum späteren Erfolg beitragen – und zugleich die Freiheit begrenzen, wenn sie unter Druck automatisch das Steuer übernehmen.

Bei meinem Klienten hatte seine analytische Stärke lange eine doppelte Funktion. Sie half ihm, Komplexität zu durchdringen. Und sie erlaubte ihm, emotional Belastendes zu erklären und auf Abstand zu halten.

Die arbeitspsychologische Forschung zeigt, dass frühe Bindungsdynamiken auch Vertrauen, Unterstützungssuche und Beziehungen in Organisationen beeinflussen können. Sie bestimmen den Führungsstil nicht, prägen aber mit, wie Menschen unter Unsicherheit und Beziehungsspannung reagieren.

Als wir miteinander arbeiteten, war er erschöpft. Seine gewohnte Energie war teilweise verschwunden. Depressive Phasen, Rückzug und ein Gefühl des Feststeckens kamen hinzu.

Die aktuelle Belastung erklärte einen Teil davon: viel Verantwortung, wenig Erholung, schwierige Führungskonstellationen. Aber nicht alles. Deshalb betrachteten wir auch Erfahrungen mit seinem Vater und seiner Mutter – Situationen, über die er jahrzehntelang kaum gesprochen hatte.

Den Begriff „Trauma“ benutze ich hier bewusst zurückhaltend. Nicht jede schwierige Kindheitserfahrung ist ein Trauma. Nicht jede Kränkung führt zu einer psychischen Störung. Frühe Beziehungserfahrungen prägen dennoch, was wir später als Gefahr erleben, wie wir Nähe regulieren, wie wir mit Zurückweisung umgehen und welche Strategien wir entwickeln, um uns zu schützen.

Eine Metaanalyse von 215 Studien stützt diesen Zusammenhang: Belastende Kindheitserfahrungen gingen unter anderem mit größeren Schwierigkeiten in der Emotionsregulation sowie mit häufigerem Grübeln und Unterdrücken emotionaler Reaktionen einher. Kognitive Neubewertung – einer Situation aus heutiger Perspektive eine andere Bedeutung zu geben – zeigte dagegen einen umgekehrten Zusammenhang.

Genau diese Bewegung beschäftigte uns irgendwann sehr konkret.

Das Kind erlebt anders als der Erwachsene.

Man muss die Begriffe „Kind-Ich“ und „Erwachsenen-Ich“ nicht mögen, um die dahinterliegende Erfahrung zu kennen. Ein Kind erlebt eine Situation mit den Möglichkeiten eines Kindes. Es kann nicht denken: Meine Mutter verhält sich so, weil sie selbst emotional überfordert ist. Oder: Mein Vater kann mir gerade nicht geben, was ich brauche, aber das sagt nichts über meinen Wert aus.

Entzieht sich ein Elternteil, kann daraus werden: Mit mir stimmt etwas nicht.

Kommt Anerkennung vor allem über Leistung: Ich muss leisten, um wertvoll zu sein.

Ist Zuneigung unberechenbar: Ich muss jede Stimmung im Raum genau lesen.

Wird Autorität als entwertend erlebt: Ich darf mich nie wieder abhängig machen.

Diese Sätze stehen später nicht bewusst im Kopf eines Erwachsenen. Und trotzdem können sie erstaunlich wirksam sein – auch im Vorstandsbüro.

Mein Klient und ich begannen deshalb mit einer einfachen Form der Arbeit: einem Journal. Auf der linken Seite notiert er Erinnerungen aus seiner Kindheit. Situationen mit seiner Mutter, Szenen, die sich eingebrannt haben, Sätze, Gefühle und Momente, die das damalige Kind nicht einordnen konnte. Nicht schön formuliert und zunächst nicht analysiert, sondern so, wie er sie erlebt hat.

Auf der rechten Seite antwortet der Erwachsene: der Mann von heute, mit seinem Wissen, seiner Lebenserfahrung und seiner analytischen Fähigkeit. Er schaut auf dieselbe Situation und fragt:

  • Was ist damals tatsächlich passiert?
  • Was konnte dieses Kind noch nicht verstehen?
  • Welche Verantwortung gehörte zu den Erwachsenen – und nicht zu ihm?
  • Welche Schlussfolgerung hat er damals über sich gezogen?
  • Und gilt diese Schlussfolgerung heute noch?

Eine Stärke muss nicht verschwinden. Sie braucht eine neue Aufgabe.

Wir betrachteten seine analytische Stärke deshalb weder ausschließlich als berufliche Kompetenz noch ausschließlich als Schutzmechanismus. Entscheidend war ihre Funktion. Jahrelang hatte ihm sein Verstand geholfen, emotionale Themen auf Abstand zu halten. Nun setzte er dieselbe Fähigkeit konstruktiv ein: nicht mehr, um Gefühle wegzuerklären, sondern um sie einzuordnen, ihnen einen Kontext zu geben und zwischen damaliger Erfahrung und heutiger Realität zu unterscheiden.

Das Journal ist kein Rezept. Es ist keine Methode, die jeder anwenden sollte, und schon gar kein Ersatz für eine notwendige psychotherapeutische oder medizinische Behandlung. Für diesen Menschen war es in diesem Moment ein passendes Werkzeug.

Und es geschah etwas Bemerkenswertes. Die Vergangenheit verschwand nicht, aber sie bekam einen anderen Platz. Aus dem damaligen Ausgeliefertsein entstand langsam eine erwachsene Perspektive. Aus „So war es, also muss ich heute noch so reagieren“ wurde: So war es. Und heute bin ich nicht mehr dieses Kind.

Das klingt beinahe banal. Emotional ist es das nicht.

Unser erwachsener Verstand kann seit Jahrzehnten wissen, dass unser Vater heute nicht mehr über uns bestimmt. Und trotzdem können wir einem Vorgesetzten gegenübersitzen und uns innerhalb von Sekunden wieder genauso klein, wütend oder ohnmächtig fühlen wie früher.

Wissen ist noch keine Freiheit.

„Ich weiß doch, woher das kommt“ ist ein Satz, den ich häufig höre. Diese Erkenntnis ist wichtig. Aber sie reicht nicht.

Freiheit entsteht, wenn zwischen Reiz und Reaktion wieder Raum kommt. Wenn mein Chef mich kritisiert und ich bemerke: Da passiert gerade etwas in mir. Wenn ich unterscheiden kann: Was gehört tatsächlich zu dieser Situation? Was gehört zu meinem Gegenüber? Und was davon ist meine eigene Geschichte?

Dann muss ich nicht mehr jede alte Schlacht im heutigen Konferenzraum weiterkämpfen.

Das ist für mich Selbstführung. Nicht morgens um fünf aufzustehen. Nicht den Kalender noch besser zu organisieren. Nicht noch disziplinierter zu werden. Sondern sich selbst so gut zu kennen, dass man bemerkt, wer gerade das Steuer übernimmt: die erfahrene Führungskraft von heute – oder ein wesentlich jüngerer Anteil, der noch immer versucht, sich vor etwas zu schützen, das längst vorbei ist.

Von außen nennen wir es Führungsstil. Manchmal ist es Biografie.

Der dominante Manager, der keine andere Meinung erträgt. Die hoch empathische Führungskraft, die keinen Konflikt aushält. Der CEO, der jede Entscheidung kontrollieren muss. Die Managerin, die trotz beeindruckender Karriere ständig das Gefühl hat, noch mehr leisten zu müssen. Der Vorstand, den Kritik unverhältnismäßig hart trifft.

Natürlich lässt sich daraus nicht rückwärts auf eine bestimmte Kindheit schließen. Menschen sind komplexer als solche einfachen psychologischen Gleichungen. Aber es lohnt sich, neugierig zu werden.

Nicht: Was stimmt mit mir nicht?

Sondern: Wozu habe ich dieses Verhalten einmal gebraucht?

Diese Frage verändert etwas, weil sie nicht verurteilt. Sie würdigt zunächst, dass unsere Muster einmal einen Sinn hatten. Das Problem ist nicht, dass wir solche Strategien entwickelt haben. Das Problem entsteht, wenn wir sie Jahrzehnte später noch immer einsetzen müssen, obwohl die Situation längst eine andere ist.

Know yourself. Lead yourself. Lead others.

Bei meinem Klienten verschiebt sich etwas. Nicht in Form einer spektakulären Transformation. Er ist nicht plötzlich ein anderer Mensch – und das soll er auch nicht werden. Seine analytische Brillanz ist noch da. Sein Anspruch, seine Klarheit und seine Fähigkeit, komplexe Situationen schneller als viele andere zu erfassen.

Daneben entsteht etwas Neues: mehr Zugang zu den emotionalen Anteilen, die lange keinen Platz hatten. Mehr Mitgefühl für das Kind, das bestimmte Dinge erlebt hat. Mehr Distanz zu alten inneren Schlussfolgerungen. Und dadurch mehr Freiheit im Heute.

Genau an dieser Stelle bekommt der Dreiklang „Know yourself. Lead yourself. Lead others.“ seine eigentliche Tiefe. Wir beginnen in der Führungsentwicklung gern beim letzten Teil: Wie führe ich andere? Dann beschäftigen wir uns mit Kommunikation, Wirkung, Konfliktfähigkeit, Entscheidungsverhalten oder Motivation. Alles wichtig.

Andere Ansätze gehen einen Schritt zurück und sprechen über Selbstführung. Gemeint sind dann oft Prioritäten, Zeitmanagement, Disziplin oder das Setzen von Grenzen. Auch das gehört dazu. Aber Führung beginnt noch früher.

Denn ich kann mich nur begrenzt selbst führen, wenn ich nicht bemerke, was mich führt: meine Bedürfnisse, meine Ängste, meine alten Loyalitäten, mein Wunsch nach Anerkennung, meine Empfindlichkeit gegenüber Macht, meine Vorstellung davon, wann ich wertvoll bin – und meine Geschichte.

Vielleicht ist das eine der anspruchsvollsten Formen von Selbstführung: nicht stärker zu werden, sondern freier. Nicht die Vergangenheit loszuwerden, sondern dafür zu sorgen, dass sie nicht mehr jede Entscheidung im Heute mittrifft.

Vom Impuls zur Umsetzung

Wie alt ist das Gefühl, das Sie gerade fühlen?

Nehmen Sie eine Situation, in der Ihre Reaktion stärker war, als es die Sache allein erklären würde. Schreiben Sie drei kurze Antworten auf:

„Was ist in der aktuellen Situation tatsächlich geschehen?“

„Welche ältere Erfahrung berührt sie möglicherweise?“

„Was weiß und kann der Erwachsene von heute, was damals noch nicht möglich war?“

Es geht nicht darum, jede Führungsfrage in der Kindheit zu erklären. Es geht darum, unterscheiden zu können: Was gehört ins Heute – und was entscheidet aus einer früheren Zeit noch mit?

Quellen

  1. Andersen, S. M., & Chen, S. (2002). The relational self: An interpersonal social-cognitive theory. Psychological Review, 109(4), 619–645. DOI: 10.1037/0033-295X.109.4.619
  2. Yip, J., Ehrhardt, K., Black, H., & Walker, D. O. (2018). Attachment theory at work: A review and directions for future research. Journal of Organizational Behavior, 39(2), 185–198. DOI: 10.1002/job.2204
  3. Miu, A. C., Szentágotai-Tătar, A., Balázsi, R., Nechita, D., Bunea, I., & Pollak, S. D. (2022). Emotion regulation as mediator between childhood adversity and psychopathology: A meta-analysis. Clinical Psychology Review, 93, 102141. DOI: 10.1016/j.cpr.2022.102141